26. März 2007

3. Tag

Abgelegt unter: Therapie — Jung Ewig Sucht @ 19:54

Der dritte Tag ist vorbei und ich spüre deutlich, wie ich die Anderen meide und mich zurück ziehe. Fahre absolut den introvertierten Film und es macht mich wütend. Wütend auf mich selbst, da ich genau weiß, das ich so keinen Schritt vorwärts komme und mir die Zeit davon läuft. Einer von den Patienten sprach mich in der Mittagspause gezielt auf meine Flucht an und sagte, das die Anderen mir gegenüber stark verunsichert seien und mein Verhalten von manchem als Arroganz eingestuft wird. Ich sagte ihm, das ich mir dessen sehr bewußt bin und mit mir kämpfe, meinen Panzer abzulegen.  Es tat gut von ihm zu hören, das es für mich keinen Grund gibt irgendeine Schutzmauer aufzubauen, denn alle hier sind aus den mehr oder weniger gleichen Gründen da und niemand wird mich aufgrund meiner Probleme verurteilen. In der Befindlichkeitsrunde am Nachmittag konnte ich meine Wut über mein eigenes Verhalten dann auch zum Ausdruck bringen und bat die Gruppe, mich nicht vorab als arrogant abzustempeln. Ich hoffe das jetzt langsam der Knoten bei mir platzt. Ansonsten hatte ich heute meine erste Sitzung in der Problemlösegruppe. Hier sitzen wir im kleineren Kreis zusammen und jeder hat die Möglichkeit, ein für ihn akutes Problem zu schildern. Die Gruppe entscheidet dann, über welches dieser Probleme in der Sitzung gesprochen wird. Ich konnte natürlich kein Problem benennen, war ja klar :-( . So wurde dann über das Ernährungsproblem einer Patientin gesprochen, die ihren Kummer und ihre Sorgen förmlich in sich hinein frißt und unter extremem Übergewicht leidet. In der Gruppe wurden gemeinsam die Gründe für dieses Eßverhalten erörtert und ihr wurden Hilfestellungen gegeben, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten bzw. sich von der zwanghaften esserei abhalten kann. Da ich zu dem Thema nichts beigetragen hatte, sprach mich die leitende Therapeutin zum Ende hin gezielt nach meiner Meinung an. Ich schilderte ihr und den Anderen dann halt, das mein Eßverhalten eher in die gegensätzliche Richtung geht und ich mir Nahrung verweigere. Die Patientin versucht sich mit ihrer Nahrungsaufnahme etwas gutes zu tun. Sie nutzt diese als Ersatzbefriedigung für andere Bedürfnisse, die aber nicht erfüllt werden. Ich tue das hingegen aus Selbstkontrolle und um mir weh zu tun. Für ein Versagen in meinen Augen auf anderen Gebieten, bestrafe ich mich mit Nahrungsentzug. Denn mein Körper, den ich hasse, ist das Einzige was ich kontrollieren kann. Über ihn hab ich Macht und hier bin ich fähig etwas zu leisten. Nämlich jedes Gewicht zu erreichen, das ich mir in den Kopf gesetzt habe. Ich sagte dann aber noch, das ich dieses Problem weitestgehend in den Griff bekommen habe und nur noch selten einen leichten Rückfall erleide. Nach dieser Sitzung hatte ich noch ein Einzelgespräch mit derselben Therapeutin. Hier bedankte sie sich nochmal für meinen Beitrag und sagte, das sie fest davon überzeugt sei, ich könne für die anderen Patienten eine wichtige und kompetente Hilfe sein. Ich wiedersprach ihr mit dem Argument, regelmäßig an meinen eigenen Problemen zu scheitern und das es mir aus dem Grund nicht zu steht, den Anderen kluge Tips oder Ratschläge zu geben. Darum gehe es nicht sagte sie, sondern viel mehr darum das ich in der Lage seie, meine Probleme klar und deutlich zu formulieren und sogar zu analysieren, womit ich vielen anderen hier voraus wäre. Wenn ich es zuließe würden sich sicher viele auch außerhalb der Sitzungen an mich wenden und sich mir anvertrauen. Ich weiß nicht was sie damit meint und wie sie darauf kommt. Inwiefern bin ich dann eine Hilfe für die Anderen? Hilfe zur Selbsthilfe? Wie kann sie mich nach 2 Einzelgesprächen und den einem Beitrag heute in der Gruppe so einschätzen? Vieleicht werde ich sie im nächsten Einzel daraufhin nochmal ansprechen. Muß jetzt noch einige Hausaufgaben bewältigen die sie mir aufgetragen hat und dann wirds auch schon wieder Zeit fürs Bett. Hoffe Euch geht es gut. Bis bald.  

7 Kommentare »

  1. ..hmm..vielleicht meint sie das, was ich vor einiger Zeit auch schon mal angesprochen habe…ich finde, Du kannst Deine Probleme sehr gut reflektieren.

    Du erkennst sie als solche und bist auch relativ gut in der Lage, diese auch zu benennen..Du suchst nach Erklärungen, weil Du weisst, dass Dein Handeln von gewissen Ambitionen angetrieben wird, die Du selber als nicht optimal erkennst. Vielleicht kann man es mit einer Sucht vergleichen: Der Süchtige muss selber bereit sein, sich helfen zu lassen, aber dafür muss er ja erstmal vor sich selber zugeben, dass er süchtig ist und Hilfe braucht..Du hast diesen Punkt schon erreicht, wohingegen die anderen erst bemerkt haben, dass “irgendwas” nicht stimmt.

    So wie Du zB. in der Lage bist, in Worte zu fassen, dass Du Dich in Dein Schneckenhaus zurückziehst, obwohl Du es gar nicht willst..Du hast ja erkannt, dass es nicht der richtige Weg ist und hast das Bewusstsein, daran was ändern zu wollen…..es geht sicherlich nicht primär um gute Ratschläge, aber eventuell meint sie, dass Deine Art, die Probleme zu erkennen und zu benennen, den anderen ein Vorbild sein kann. Denn in dem Punkt bist Du sicherlich schon einen Schritt weiter…

    Du packst das..*smile..viel Erfolg für morgen :)

    Kommentar von Hexe — 26. März 2007 @ 22:09

  2. Rede dich doch nicht so klein! Ich kann verstehen das du Zweifel daran hegst, wie du anderen helfen sollst wenn du selber solche Probleme hast. Letztlich machst du aber den Eindruck anderen helfen zu können, weil du hier mit einer anderen Intention an die Sache gehst. Daher sieh es als positive Wertung deiner Person. Außerdem wie du selber sagst, der Austausch mit der Bloggerwelt hilft dir, warum nicht auch der Austausch mit anderen Patiente?! Ich bin da guter Dinge das du ein Stück weiterkommen wirst und anderen in der Gruppe auch wirklich nur durch den Austauschen helfen kannst.

    Das dich der andere Patient angesprochen hat wegen der Weise wie du auf die anderen wirken könntest finde ich sehr nett. Das du die Gruppe angesprochen hast dich bitte nicht in diese Schublade zu stecken, zeugt von Mut. Schön, freut mich. Kopf hoch…

    Kommentar von Der Liebeskasper — 27. März 2007 @ 11:27

  3. Hallo Hexe,
    ich danke Dir für Deinen Kommentar. Du hast einige Dinge angesprochen, die mich zum nachdenken anregen und eine Sichtweise, die ich für mich in der Art sicher nicht habe. Beispielsweise gehe ich immer davon aus, das ich aus der Sicht Anderer wirres Zeug rede, wenn ich versuche meine Schwierigkeiten zu schildern. Auch würde ich niemals davon ausgehen, das ich für Andere eine Hilfe sein könnte, obwohl mir das im Freundes- und Bekanntenkreis desöfteren schonmal gesagt wurde. Soetwas wehre ich immer gleich ab. Die Selbst- und die Fremdeinschätzung klaffen hier meilenweit auseinander. Aber auch damit muß ich mich wohl auseinandersetzen.

    Kommentar von Jung-Ewig-Sucht — 27. März 2007 @ 19:00

  4. Du wartest förmlich darauf etwas falsches zu machen oder zu sagen, dass du gar nicht merkst und realisierst dass du auf einem sehr guten Weg bist. Es ist sicherlich einfach zu sagen dass du mehr Selbstvertrauen haben sollst, darum sage ich es nicht.
    Aber du bist ein toller Mensch und so wirst du auch von den Andern wahr genommen.

    Kommentar von Christine — 27. März 2007 @ 19:02

  5. Hallo Liebeskasper,
    das wie Du es nennst “Kleinreden” ist halt ein ganz großes Thema, welches ich seit Ewigkeiten betreibe und selber schon gar nicht mehr merke, wann ich es tue. Es passiert automatisch. Es geht einher mit meinem Selbstbild.

    Kommentar von Jung-Ewig-Sucht — 27. März 2007 @ 19:05

  6. Hallo Christine,
    da kommst Du dem Ganzen sehr nahe. Mein Kopf geht permanent davon aus, das es falsch ist was ich tue oder was ich sage. Er ist darauf gedrillt. Es ist für mich derzeit wirklich nicht zu erkennen, auf welchem Weg ich mich eigentlich befinde.

    Kommentar von Jung-Ewig-Sucht — 27. März 2007 @ 19:11

  7. Hallo J.E.S.
    ich wollte dich auch nciht angreifen mit meinem Satz bezügl. Kleinreden. Eher möchte ich dir helfen zu verstehen, das du was auf dem Kasten hast und das es zig Dinge in dir gibt, die lobenswert sind.

    Kommentar von Der Liebeskasper — 28. März 2007 @ 08:42

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